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Je besser Gleichstellung, desto weniger Frauen in MINT-Fächern

22.02.2018
Susanne Schwanzer

Das World Economic Forum nennt diesen Zusammenhang „Gender Equality Paradox“: Je höher die erreichte und gelebte Gleichstellung von Frauen und Männern in einem Land ist – desto geringer ist der Anteil an Frauen, die ein mathematisch-naturwissenschaftliches Fach bzw. Computerwissenschaften, Ingenieurswesen u.Ä. studieren bzw. Ausbildungsberufe in diesen Feldern erlernen und ausüben.

Der Level an erreichter Gleichstellung wird u.A. gemessen in …

  • Ausmaß des sog. Gender Wage/Pay Gaps, also systematische (Teilzeit-bereinigte) Unterschiede der Median-Einkommen der Frauen- und Männer in einem Land,
  • Ausmaß an gleichwertiger Aufteilung von Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit, Betreuungs-, Haus- und Pflegearbeit zwischen Frauen und Männern (gemessen in Zeitkonten),
  • Ausmaß an traditionellen Rollenmustern und Geschlechterstereotypen, die Frauen oder Männern Verhalten zuschreiben bzw. dieses als „typisch“ von ihnen erwarten z.B. Aktivität <– –> Passivität, Durchsetzungsfähigkeit <– –> Nachgiebigkeit, Fokus auf Einzelperformance <– –> Teamorientierung, Konfliktstärke <– –> Vermittlungsfähigkeit, Karriereorientierung <– –> Familienorientierung u.v.Ä.m.

Das „Gender Equality Paradox“ gibt umso größere Rätsel auf, als es einen jahrzehntelang gültigen empirischen Zusammenhang umkehrt: In den osteuropäischen Ländern und der ehemaligen DDR waren Einkommen und Rollenstereotype zwischen Frauen und Männern dezitiert „eingeebnet“, wurden systematisch angeglichen. Frauen, die technische Betriebe leiteten, nachdem sie entsprechende Ausbildungen und Studiengänge absolviert hatten, waren Regel, nicht Ausnahme. Die nahezu ausgeglichene Geschlechterverteilung in Betrieben über alle Ebenen hinweg wurde als eine der Errungenschaften des Sozialismus stark nach außen hin betont und – etwa mit regelmäßigen Auszeichnungen – gefördert. Ein hoher Anteil von Frauen in MINT-Fächern kam schon allein aufgrund der Zuweisung von Studienplätzen und -quoten nach Bedarf an die StudienkandidatInnen zustande. Frauen hätten in der ehemaligen DDR nicht die vielzitierte Kunstgeschichte oder Naturwissenschaft-auf-Lehramt studieren können, so lange noch weitere Ingenieurinnen oder die damaligen Entsprechungen von Software-Entwicklerinnen, Programmiererinnen oder Fertigungstechnikerinnen fehlten. In Westdeutschland hingegen, also dort, wo mangels forcierter staatlicher Kinderbetreuung, mangels Role Models und dank klischeehafter Darstellungen in den Medien Berufe als eindeutige Frauen- oder Männerberufe tradiert wurden, herrschte stets der tradierte Überschuss an männlichen Studierenden in MINT-Fächern – mit bis zu 95% Männern z.B. im Studiengang „Maschinenbau“ und „WirtschaftsingenieurIn“.

Tatsächlich lässt sich derzeit die Frage nicht beantworten, ob es sich beim Gender Equality Paradox um einen vordergründigen als-ob-Zusammenhang handelt (à la Störche/Geburtenrate) oder um einen systematischen Zusammenhang. Momentan lässt sich die Frage, worin der Zusammenhang besteht, nur Land für Land beantworten.

Länder wie die Türkei oder manche arabische Staaten, in denen für Frauen bestimmte Positionen am Arbeitsmarkt verboten sind bzw. die Rolle der Frau bis hin zu Kleiderordnungen und segregierten Zonen streng geregelt ist, „verzerren“ mit ihrem hohen Anteil an Mathematisch-naturwissenschaftlichen Studentinnen die Statistik. Traditionell gelten Ingenieursstudiengänge in diesen Ländern als Studiengänge, die Prestige und gesellschaftlich höhere Stellung inkl. höherem Einkommen garantieren. – Dieses Prestige wiegt zum Einen schwerer als die bei uns verbreiteten Klischees von Maschinen/Technik=männliche Späre, vormals auch Lärm/Schmutz = männlich). Zum anderen gibt es durch diese jahrhundertelange Tradition auch viele weibliche Vorbilder. In wesentlich mehr Familien als hierzulande hat eine Cousine/Tante oder Schwester ein MINT-Fach absolviert. Maschinenbau, High Tech Engineering oder Software Engineering steht für Familien, die ihre Kinder studieren lassen, gleichwertig neben Rechtswissenschaften oder Medizin – auch für Töchter.

Number of female STEM graduates and their Global Gender Gap Index (y-axis), a measure of opportunities for women.
Hingegen ist gerade in Ländern wie Schweden, Dänemark, Norwegen, die in Gender Equality-Rankings seit Jahrzehnten weit vorne liegen, der Anteil von Frauen OECD-weit besonders  niedrig, die ein ingenieurswissenschaftliches oder Informatik-Studium absolvieren oder als Mathematik-, Physik, Chemie-Absolventinnen eine Laufbahn in der Industrie einschlagen.

Weiter zur widersprüchlichen Statistik im weltweiten Maßstab tragen asiatische Länder bei:Südkorea, das z.B. einen extrem hohen Gender Wage Gap gemäß OECD-Ranking aufweist, hat im Gegenzug einen der höchsten Anteile an Frauen im IT-Segment weltweit.

Die AutorInnen folgern: „Wer glaubt, als Frau in einem Land mit hoher Gleichberechtigung zu leben und alle Chance wahrnehmen zu können, muss sich nicht auf die Sektoren konzentrieren, die im höchsten Maße Aufstieg und Gehaltssicherheit gewährleisten.“

Image: Psychological Science via The Atlantic
Quelle: Jeff Sassomon, University of Missouri. Published via World Exonomic Forum.
https://www.weforum.org/agenda/2018/02/does-gender-equality-result-in-fewer-female-stem-grads